Fehler sind Türen

Es gibt Momente in einer Probe, die man nicht erwartet. Man kommt, man spielt, man macht Fehler, man spielt weiter. So funktioniert das meistens. In jener Probe war es anders.

Jemand verlor den Takt und spielte falsch weiter. Wir haben im kollektiv einfach weitergespielt und wieder zusammen gefunden. In der Pause sprach dann unser Leiter, Simon Berz. Nicht laut, nicht ungeduldig. Er lehnte sich zurück, als hätte er auf diesen Moment gewartet, und begann zu reden.

Was folgte, dauerte vielleicht fünf Minuten. Es fühlte sich länger an.


Man muss sich vergegenwärtigen, in welcher Gesellschaft wir über Fehler sprechen, oder eben nicht sprechen. Es gibt eine Art unausgesprochenen Konsens in der westlichen Leistungskultur, dass der Fehler etwas ist, das man behebt, überbrückt, möglichst unsichtbar macht. Lebensläufe erzählen Erfolgsgeschichten. Meetings beginnen mit dem, was funktioniert hat. Kinder lernen früh, dass die richtige Antwort belohnt wird und die falsche, nun ja, zumindest nicht erwähnt werden muss.

Das hat Folgen. Nicht sofort sichtbare. Aber stille, beständige Folgen. Irgendwann hört man auf zu suchen, weil das Suchen mit dem Risiko verbunden ist, nicht zu finden. Irgendwann hört man auf zu spielen, weil das Spielen bedeutet, auch falsch zu liegen.


Musik duldet das nicht. Das ist vielleicht das Ehrlichste an ihr.

Ein falscher Ton oder Takt existiert. Er ist in dem Moment, in dem er erklingt, vollständig real, unhöflich präsent, nicht wegzureden. Man kann ihn nicht in einer Fussnote verstecken oder nachträglich aus dem Protokoll streichen. Er klingt, er verhallt, und dann kommt der nächste Takt. Die Musik wartet nicht. Sie verlangt, dass man weitermacht, nicht weil der Fehler egal wäre, sondern weil das Innehalten ihn nicht ungeschehen macht.

Der Leiter sagte an jenem Abend etwas, das ich seitdem nicht losgeworden bin. Er ermutigte uns, Fehler zu machen. Fehler seien Türen und öffnen Wege, welche vorher so nicht geplant werden können. Wer keinen Fehler mache, spiele nicht wirklich.


Das klingt einfach, ist es aber nicht.

Denn das, was er beschrieb, ist keine Technik und keine Übungsmethode. Es ist eine Haltung, und Haltungen sind schwer zu ändern, weil sie sich so tief eingeschrieben haben, dass man sie nicht mehr als Entscheidung wahrnimmt, sondern als Tatsache. Natürlich vermeidet man Fehler. Natürlich bereitet man sich vor, bis man sicher ist. Natürlich wartet man, bis man gut genug ist.

Nur dass man dann meistens nie anfängt.


Was mich in jener Probe auch noch so berührt hat, war nicht nur die Botschaft, sondern auch wen sie erreichte. Nicht nur die Kinder, die mit grossen Augen zuhörten. Nicht nur die Anfänger, die sich noch schämten für ihren zögernden Rhythmus. Auch die Geübten. Auch die, die schon lange dabei sind.

Vielleicht ist das, was diese Probe gelehrt hat, am Ende ganz schlicht: Dass der Fehler nicht das Ende des Stückes ist. Sondern oft erst sein Anfang. Danke, Simon Berz!